• Lisa

Wie ein Frottee - Handtuch mein erstes Ultrarennen rettete

Und warum das leichteste Setup nicht immer das beste ist


Wie der Titel schon andeutet, geht es heute um Perlen der Weisheit. Oder anders gesagt,

die Widerlegung einer der wichtigsten Maxime im Radsport schlechthin:

Leichtigkeit ist alles.

Um eins vorwegzunehmen - wir wenden uns heute nicht der hinlänglich bekannten, aber zugegeben daher auch etwas langweiligen Erkenntnis zu, dass einem ein sehr, sehr leichter Schlauch nichts nützt, wenn er bei der Montage bereits kaputtgeht. Und überhaupt, heutzutage fährt doch sowieso jeder Tubeless. (Außer ein paar altmodischen Spinnern, die immer noch auf schmalen Reifen und Clinchern unterwegs sind, meine Wenigkeit eingeschlossen)

Also ja, natürlich muss die Materie mit der wir planen tausende Kilometer möglichst effizient, sprich zeitsparend, zurückzulegen, auch ein gewisses Maß an Robustheit mitbringen. Überraschung.

Niemand möchte gern alle 50 km in einem nonstop, non-supported 2000km Rennen anhalten, um einen Platten zu beheben.

Das Verhältnis von Leichtigkeit zu Robustheit steht also als Axiom unserer heutigen Gleichung fest, sodass wir uns damit nicht mehr weiter beschäftigen werden.

Abgesehen davon gibt es jedoch einen relativ großen Spielraum, der im wahrsten Sinne des Wortes oft als eben solcher genutzt wird.

Da wird die Materialfrage zur Materialschlacht, in die wir uns wie spielende Kinder in einem Raum voller Möglichkeiten gegenseitig zu immer absurderen Spielereien hinreißen lassen. Um am Ende ein ähnliches Resultat zu erhalten, wie spielende Kinder:

Ein eher Unbedeutendes.

Bitte nicht falsch verstehen, niemand ist immun dagegen und weight matters. Natürlich beginnen auch meine Augen vor Freude zu glänzen, wenn ich es geschafft habe durch eine leichtere Komponente das Gesamtgewicht meines sowieso immer zu schweren Rades etwas zu drücken.

Dass ich stattdessen auch einfach bei der letzten Ausfahrt ein Stück Kuchen weniger hätte essen können, sei mal dahingestellt.

Die 76g gesparte Masse pro Schlauch, inklusive einiger anderer kostspieliger Einsparungen, können am Ende gut und gerne 0,5kg Gesamtgewicht ausmachen. Kleinvieh macht auch Mist. (Teilweise sogar recht schweren Mist).

Und je mehr man dafür bezahlt, weniger zu haben, desto glücklicher ist man darüber.

Schon aus Prinzip.

Dennoch erscheint es mir oftmals etwas absurd jenseits der gesponserten Materialentscheidungen eines Profiteams einen derartigen Gewichtsfetischismus an den Tag zu legen. Und das sagt jemand, der viel Zeit in einem Rennen geopfert hat, um mit viel zu schweren, unnützen Gegenständen in den ultra-leichten, ultra-teuren Taschen eines relativ leichten Stahlrads über die Alpen zu fahren.

(Wohlgemerkt nicht in der Nord-Südquerung, sondern der Länge nach von Ost nach West.)

Um dann, nach dem ersten Checkpoint auf 2243m Höhe festzustellen, dass 2kg dieser Masse verzichtbar sind, was zu weiterem Zeitverlust auf einem Postamt führte.

Nur um, nach ein paar so wunderbar erleichterten Tagen, ein wirklich überhaupt gar nicht leichtes, nicht im Mindesten outdoorfähiges, und auch im Packmaß alle Kategorien der Angemessenheit sprengendes

Frottee Handtuch

mit sich herumzuschleppen. Maße: 100 x 175 cm.

Wieso das alles? In einem Sport, in dem es schon als absurd gilt, ein zweites Paar Bibshorts mit sich herumzutragen? Von einem zweiten Trikot wollen wir hier gar nicht anfangen.

Ein Sport, dessen Anhänger gut und gerne 4-10 schweißtreibende Tage in derselben Montur, manchmal sogar ohne den Luxus einer Dusche oder gar einer Wäscherei-Leistung in Anspruch zu nehmen, radfahren und diesen Ausnahmezustand körperlicher Hygiene zum Erreichen der Zeit - und Gewichtsersparnis als durchaus normal begreifen.

Um zu verstehen, wie sich ein derartiger Verfall der guten Ultrafahrer-Sitten bei mir einstellen konnte, muss ich vielleicht etwas über die Geschichte dieses Frottee Monster erzählen.

Es war ein regnerischer Abend während des Three Peaks Bike Race, kurz vor Belley in Frankreich, als ich auf einer langweiligen und relativ wenig befahrenen Bundesstraße plötzlich ein Auto bemerkte, das mich nicht, so wie alle anderen, überholte. Wahrscheinlich der Alptraum jedes Radfahrers, definitiv der Alptraum jeder Radfahrerin, ist ein Autofahrer, der nach Anbruch der Dunkelheit neben oder direkt hinter einem fährt.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ist sich eben jener Autofahrer des offenkundigen Machtunterschieds Rad gegen Auto, beziehungsweise Unbekannter im dunklen Auto gegen in seiner vollen Verletzbarkeit von Scheinwerfern beleuchteten und gut zu erkennenden Radfahrenden, nicht bewusst oder dieser Machtunterschied wird ignoriert, im schlimmsten Fall gar mit (wahrscheinlich nicht sehr edlen) Absichten ausnutzt.

Durch die Lärmkulisse, die ein auf regennasser Straße fahrendes Auto mitsamt der anderen vorbeirasenden Autos macht, nahm ich aus dem Augenwinkel wahr, wie ein Fenster heruntergekurbelt wurde.

Der Beifahrer des nicht mehr so ganz neuen Autos, das neben mir mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 23km/h fuhr, war:

Ein kleines, ca. 10 Jahre altes, blondes Mädchen.

Wild gestikulierend und irgendetwas auf französisch rufend, versuchte die Kleine mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich war nach dem ersten Unbehagen nicht sehr interessiert an einem Gespräch, zum einen, weil ich der französischen Sprache nur sehr bruchstückhaft mächtig bin, zum anderen, weil ich bereits seit mehreren Stunden durch den anhaltenden Regen fuhr. All dies, zusammen mit der Tatsache, dass eine Unterhaltung, radfahrend geführt mit jemandem in einem Auto durch ein geöffnetes Beifahrerfenster bei vorhandener Lärmkulisse mehr Multitasking erfordert, als ich nach mehreren Tagen in einem Radrennen gewillt war, an den Tag zu legen.

Doch das Anliegen des Mädchens schien dringend und als ich erkannte, dass auch die Mutter am Steuer versuchte, mir etwas mitzuteilen, ließ ich mich darauf ein. Nach etlichen, pantomimischen Einlagen verstand ich plötzlich, dass irgendetwas mit meinem Rücklicht nicht zu stimmen schien. Ich hielt an und stellte fest, dass es wohl aufgrund des strömenden Regens einen Kurzschluss bekommen hatte. Voller Dankbarkeit versicherte ich, dass ich mich darum kümmern würde und war erleichtert und berührt darüber, dass die beiden einen solchen Aufwand betrieben hatten, um mich zu warnen.

Sie fuhren weiter und ich war froh, dass ich den Rat des Veranstalters, zwei Rück- und Frontlichter mitzunehmen nicht nur befolgt hatte, sondern darüber hinaus sogar noch eine Stirnlampe mit Rotlichtfunktion mit mir führte. Mein Ersatzrücklicht hatte ich nämlich bereits irgendwo am Aufstieg des Col du Sanetsch verloren, wahrscheinlich bei einem der vielen erschöpfungsbedingten Powernaps, die ich weniger freiwillig als notgedrungen hatte einlegen müssen und bei denen ich mein Rad, ebenso wie meinen müden Körper, einfach auf die Seite legte. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Ich band also die Stirnlampe an meine Saddlebag, sodass ein geeigneter Ersatz für die vorzeitig aus dem Rennen geschiedenen Rücklichter entstand und setzte meine Fahrt fort.

Nach kurzer Zeit jedoch sah ich das mir schon bekannte Auto in einer Ortsdurchfahrt auf mich warten und schon bald hatte ich erneut „Mitfahrer“. Diesmal war ich weniger ängstlich und versuchte vergeblich zu verstehen, was die beiden mir sagen wollten. Letztlich lief es darauf hinaus anzuhalten und ein Übersetzungsprogramm zu Hilfe zu ziehen.

Die Frau war besorgt, warum ich hier, mutterseelenallein bei dem furchtbaren Wetter und zu einer solchen Stunde auf einer Straße ohne Radschutzstreifen fuhr und sie ließ sich nicht davon überzeugen, mich weiterfahren zu lassen, bis ich zustimmte, dass sie mich bis Belley eskortieren würden, um mich dort zum Essen einzuladen. Da die beiden es wirklich gut mit mir zu meinen schienen und ich die Übersetzungskünste meines Handys nicht weiter ausreizen wollte, ließ ich mich darauf ein. Die zwei hatten instinktiv, ohne die genaue Entfernung der von mir bereits zurückgelegten Strecke zu kennen, erfasst, wonach es einem Menschen, der bei solch unseligen Wetterverhältnissen auf einer dunklen Straße Rad fährt, verlangt. So fuhr ich in der seltenen Sicherheit, zumindest für ein paar Kilometer nicht der Gefahr eines schlechten Überholmanövers ausgesetzt zu sein, hin zu dem einen, für nahezu alle Langstreckenradler gleichen Sehnsuchtsort:

McDonald's.

Für geneigte Leser, die noch neu in der Welt des Ultradistanz-Fahrens sind und die auf derartige kulinarische Grobheiten noch mit der habituellen Logik eines einigermaßen kultivierten Geistes reagieren, sei hier nur kurz angemerkt: Fern ab jeglicher Langstrecken Radfahrt werde ich mich fast immer gegen den Besuch von Fastfoodrestaurants dieser Art sträuben. Aber im Kontext eines nonsupported Ultradistanzrennens gibt es nichts Besseres, als leicht verdauliche, möglichst schnell verfügbare, in Qualität und Geschmack wenig abweichende, hochkalorische Mahlzeiten, über die man nicht erst stundenlang nachdenken muss. Es gibt nichts Schlimmeres, als während eines solchen Rennens in ein Restaurant zu gehen, am besten noch in einem Land, in dem man die Sprache nicht versteht, aus einer komplett unbekannten Auswahl an Speisen mit einer durch Schlafmangel, Erschöpfung und Hunger erheblich herabgesetzten kognitiven Leistungsfähigkeit auswählen zu müssen, um dann festzustellen, dass der Koch grade Pause hat und es weder Toilette noch Wlan gibt. Und die einzige verfügbare Steckdose nicht für Gäste zugänglich ist. Die inneren Spannungen, die man als höflicher Mensch erleben muss, wenn man sich doch einmal in ebenjener Situation wiederfindet, die unvergleichlichen mentalen Anstrengungen, die es erfordert, daraufhin nicht vom Tisch aufzuspringen und vor Ungeduld den netten Kellner anzubrüllen, dass man es verdammt nochmal eilig habe, sind enorm. Man sollte also sich und der Welt einen Gefallen tun und sich die kulinarisch anspruchsvolleren Ausflüge für die Ziellinie aufheben.

Die gesamten restlichen Kilometer fuhr ich im Scheinwerferlicht und versuchte, meine sonst bei Steigungen üblichen 6-13km/h Durchschnittsgeschwindigkeit zumindest nicht zu unterbieten. Ich bin noch nie Auto gefahren, aber ich kann mir vorstellen, das es nicht einfach war, so dermaßen langsam zu fahren.

Nachdem ich mir also redlich Mühe gegeben hatte, die Geduld meiner beiden Heldinnen nicht zu stark in Anspruch zu nehmen, erreichten wir endlich Belleys Fastfood Tempel.

Glücklich und erschöpft saß ich mit dem um mich so besorgten Gespann am Tisch und dank neuer Technologien verstanden wir uns weitestgehend ohne jeweilige Sprachkenntnisse. Als sie realisierten, in was für einer Art Unterfangen ich da eigentlich unterwegs war, waren sie sichtlich beeindruckt und schienen sich auch weniger Sorgen zu machen, nachdem ich erzählt hatte, wie weit ich schon gefahren war.

Die Verabschiedung war herzlich und ich war ein wenig traurig, nun wieder in die kalte, inzwischen immerhin nicht mehr regnerische Nacht zu fahren.

Die Tochter wollte mir sogar ihre Schuhe schenken, denn meine Füße waren natürlich komplett durchnässt.

Da ich mit Klickpedalen fuhr, machte dies jedoch keinen Sinn, sodass sich die Frage nach übereinstimmenden Schuhgrößen erst gar nicht stellte. Dennoch wollte sie irgendetwas tun, um mir zu helfen.

Bevor sie mich also wieder in die Nacht entließen, ging das Mädchen noch einmal zum Auto und brachte mir etwas, was für jeden Menschen wohl als Gegenstand des alltäglichen Gebrauchs kaum etwas Besonderes ist. Sie überreichte mir ein graues, riesiges, wohlduftendes und unglaublich weiches Handtuch. Sie schenkte es mir, einfach so, weil ich wohl einen ziemlich erbärmlichen Eindruck machte. Es war Zeichen ihrer Empathie, ihrer Bewunderung, für das was ich tat und mir wurde erst viel später bewusst, wie unglaublich weise dieses 10 jährige Mädchen und ihre Mutter eigentlich waren. In dem Moment war ich einfach nur aufs tiefste berührt.

Ich hatte sie nie um Hilfe gebeten und es hätte auf ihr Leben auch keinen negativen Einfluss gehabt, wenn sie einfach an diesem Abend an mir vorbeigefahren wären. Trotzdem hatten sie sich dafür entschieden anzuhalten, und das sogar, obwohl ich anfangs noch nicht einmal begriff, was sie eigentlich von mir wollten.

Sie nahmen sich Zeit und Geduld, schenkten mir eine warme Mahlzeit, warme Worte und am Ende sogar noch ein Stückchen Geborgenheit durch ein einfaches Alltagsding, wie ein frisch gewaschenes, trockenes Handtuch.

Ich glaube eigentlich nicht, dass jemand, ohne selbst Ähnliches erlebt zu haben, nachvollziehen kann, was so ein Stück Stoff für jemanden bedeutet, der seit Tagen allein, ohne seine Familie oder Freunde durch ein fremdes Land fährt, über Bergpässe, auf dunklen, vielbefahrenen und manchmal auch unglaublich einsamen Straßen, die letzte warme Dusche schon etwas her, stinkend und nass und in dem Wissen, dass es noch eine ganze Weile so weitergehen wird.

Da saß ich nun, vor dem McDonald's, die letzten Mitarbeiter waren schon gegangen, es war spät und während ich meine Sachen zusammen packte, ging das Licht, das noch eine Weile durch die großen Restaurantfenster auf den Parkplatz gestrahlt hatte, aus.

Es war wieder dunkel.

Ich war wieder allein.

Und ich glaube, ich habe in keinem anderen Moment während dieses Rennens jemals wieder eine solche Einsamkeit verspürt.

Doch ich hatte das Handtuch. Erst überlegte ich, ob ich es wirklich einpacken sollte, denn es war schon verdammt groß und schwer.

Ich brachte es jedoch nicht übers Herz es zurückzulassen und quetschte es in meine Saddlebag. Hätte ich zuvor nicht bereits 2kg unnützen Tand nach Hause geschickt, hätte es nicht mehr hineingepasst.

Die Möglichkeit dieses neue, eigentlich komplett überflüssige Gepäckstück mitzunehmen, war folglich nur entstanden, weil ich mich zuvor von Ballast befreit hatte.

Nur um nun erneut sinnlos Ballast durch Europa transportieren zu können?

Ich fuhr fast die ganze Naht durch, bis ich mich schließlich vor einem Metzgersladen in einem kleinen Ort für ein kurzes Bivy niederließ. Als ich meinen Schlafsack und die Isomatte auspacken wollte, fiel mir das Handtuch in den Schoß und da es schon einmal da war, legte ich es als Kissen unter meinen Kopf. In den Tagen zuvor wurde ich ständig von Nackenschmerzen geplagt, da ich kein Kissen mitgenommen hatte und immer alle Kleidungsstücke anziehen musste, um nicht zu sehr zu frieren. (Meisten fror ich trotzdem.)

Abgesehen davon sollte nicht unterschätzt werden, wie wohltuend sich der Duft eines frisch gewaschenen Handtuchs auf die Schlafqualität auswirken kann, wenn man überwiegend ungewaschen draußen schläft. Von da an wurde das Handtuch zu einem festen Bestandteil meines Schlafsystems und ich hatte keine Nackenschmerzen mehr, was ziemlich praktisch ist, wenn man den größten Teil seines Tages auf einem Rennrad verbringt.

Der Duft blieb bis übrigens zum letzten Tag erhalten, was etwas heißen will, wenn man bedenkt, dass das Handtuch meistens zusammen mit einem als biologische Kampfwaffen zu kategorisierenden Paar Socken, sowie anderer, olfaktorisch wenig angenehmer Dinge in eine wasserdichte Tasche gepresst war. Ein Hoch auf Weichspüler.

So. War's das nun?

Was ist denn jetzt die Schlussfolgerung? Dass man Weichspüler benutzen sollte?

Dass ein Handtuch nicht nur im interstellaren Raum, wenn man per Anhalter durch die Galaxis reist, von essentiellem Wert ist, sondern das ebenjene Regel auch auf ultra-endurance Rennen anwendbar ist?

Zum ersten: Nein.

Zum zweiten: Eventuell, aber das ist nicht das, was ich hier eigentlich sagen will.

Ich bin kein großer Freund von Weichspüler und ich würde es auch in Zukunft nicht in Erwägung ziehen, ein Handtuch in meine Packliste für Rennen aufzunehmen.

Für zukünftige Rennen weiß ich jedoch, dass ich mir die paar Gramm, die ein aufblasbares Kissen auf die Waage bringt, nicht mehr sparen werde, denn Nackenschmerzen sind das Letzte, was man während eines solchen Rennens braucht.

Der Wert des Handtuchs geht jedoch noch über diesen recht pragmatischen Ansatz hinaus.

Es ist ein Symbol für all das, was wir meinen, uns sparen zu können. Auch in unserem täglichen Leben. Die Mutter und ihre Tochter hätten es sich sparen können, sich darum zu bemühen, was mit mir los ist. Es lag kein praktischer Nutzen für sie darin, mir zu helfen. Ganz im Gegenteil, sie verloren sogar Zeit, Geld und ein Handtuch. Doch sie taten es trotzdem, unabhängig von dem Wert, den all dies für sie haben könnte. Für sie war es bloß ein Handtuch. Für mich war es Geborgenheit und die Erinnerung daran, dass ich nicht allein war. Eine Reminiszenz an das Gefühl zu Hause zu sein, und das, obwohl ich nie Weichspüler verwende.

Die Erinnerung daran, dass es manchmal Wichtigeres gibt, als möglichst schnell und leicht voranzukommen. Selbst in einem Rennen.

Denn das ultimative Ziel, das alle haben (oder zumindest die Meisten) ist es, überhaupt anzukommen.

Man kann nur darüber spekulieren, welchen Anteil dieses Handtuch daran hatte, dass ich angekommen bin. Niemand kann mit Sicherheit sagen, was passiert wäre, wenn die beiden mich nicht mit Nachdruck darauf aufmerksam gemacht hätten, dass mein Rücklicht ausgefallen war. Vielleicht hätte ich es irgendwann selbst bemerkt und bis dahin Glück gehabt, dass kein Autofahrer mich zu spät auf der Straße erkennt. Vielleicht hätte ich aber auch Pech gehabt.

Vielleicht hätte ich trotz meiner Nackenschmerzen und schlechtem Schlaf das Ziel erreicht. Vielleicht hätte sich daraus aber auch ein Zustand namens Shermer's Neck entwickelt, oder ich hätte aufgrund des schlechten Schlafs noch mehr Zeit verloren. Oder einen Unfall gehabt.

Ein Rennen, das über mehrere Tage geht, wird die meisten Menschen in mentale Bereiche führen, die sie nicht allzu oft freiwillig aufsuchen. Und dafür muss es nicht mal eines sein, das solche Wetterextreme und so viele Höhenmeter vereint, wie das Three Peaks Bike Race 2020. Jeder weint irgendwann mal während dieser Rennen und die Gründe dafür sind so unterschiedlich und divers wie das Fahrerfeld selbst.

Vielleicht hätte ich aus irgendeinem bescheuerten Grund aufgegeben, weil ich mit einem dieser mentalen Tiefs nicht hätte umgehen können. In jedem Leben gab es Enttäuschungen und Frust, Erfahrungen, die nicht schön waren. Erinnerungen, die in solchen Momenten plötzlich riesig werden und alles andere zu übertönen scheinen. Gedanken, die man eigentlich lieber vergessen würde. Egal was es ist, die eigenen Dämonen kommen einem dort draußen manchmal empfindlich nah, denn sie werden nicht mehr durch den Alltag, genug Schlaf und all die komfortablen Sicherheiten abgehalten, die unserem Leben sonst Form geben und uns ein Gefühl von Kontrolle vermitteln. Manchmal reichen nichtige Anlässe, um in ein Tief zu geraten. Sei es ein idiotischer Autofahrer, der einen zu knapp überholt, zu wenig Kohlenhydrate oder einfach ein tiefgreifendes Gefühl der Einsamkeit. Und dann ist es gut, wenn man etwas hat, das einen daran erinnert, dass die Dämonen nicht alles sind, was es gibt. Es muss nicht immer ein Gegenstand sein, es gibt auch mentale Wege solche Sicherheitsanker zu installieren. Doch dafür muss man erst einmal begreifen, dass Gewicht etwas relatives ist. Nicht das physische Gewicht sondern eher das Gewicht, das wir bestimmten Dingen zugestehen. Das Gewicht eines handelsüblichen Handtuchs als solches mag sehr schwer sein, wenn man es mit einem leichten und schnelltrocknenden Outdoorhandtuch vergleicht. Oder wenn man einfach gar kein Handtuch mit nimmt. Das Gewicht einer selbstlosen Geste zum Beispiel ist wiederum etwas ganz anderes. Hilfsbereitschaft wirkt sehr leicht, aber sie hat dennoch oft unglaubliches Gewicht.

Was ist mit dem Gewicht, dass wir auf unseren Schultern mit uns herum tragen, die Last unserer Dämonen, die uns spürbar im Nacken sitzen, je mehr wir uns von unserem Alltag entfernen. Sie sind immer da, aber sie wiegen deutlich mehr, wenn wir nichts haben, was wir ihnen entgegen setzen können.

Schlaf. Geduld. Und Erfahrungen, die uns lehren, unsere Gewichtung von dem was wir mitnehmen, zu überdenken.

Menschen, die uns erinnern, dass es am Ende zwar schön ist, wenn alles unbeschwert ist, aber dass die wirklich wichtigen Momente die sind, in denen etwas Schweres ein wenig leichter wird.

Durch so etwas lächerlich Alltägliches wie ein Handtuch wurde ich immer wieder daran erinnert, dass es gute Menschen gibt, es gute Dinge gibt, wie Empathie, Hilfsbereitschaft, Geborgenheit und den Duft von frisch gewaschener Wäsche. Dass, sei es auch noch so kalt und noch so dunkel, sei man noch so erschöpft und der Weg noch so lang, man irgendwann eine warme Dusche nehmen und sein gerötetes Gesicht in ein weiches Handtuch drücken kann. Dass man die meisten Berge auch mit ein wenig mehr Gewicht hoch kommt.

Dass man zwar nicht unbedingt schneller wird, wenn man mit mehr Gewicht fährt, aber dass es auch nicht zwingend leichter wird, wenn man versucht, sich alles zu sparen.

Und dass man trotz allem

irgendwann

ankommt.

1 comment